BAD KREUZNACH -19.12.17- Heute vor 100 Jahren: Atatürk – Der Besuch im Kurhaus… und sein Nachspiel

 

 

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Bad Kreuznach
VOR 100 JAHREN: ATATÜRK IM KURHAUS
>>> Besuch des späteren Staatsgründers, des Generals Mustafa Kemal Pascha, seit 1934 mit dem Ehrentitel Atatürk ausgezeichnet, im Großen Hauptquartier des Generalstabs in Kreuznach am 19.12.1917.

 

Quelle (auch Fotos): Dr. Michael Vesper

 

BAD KREUZNACH -19.12.17- Die Erinnerung an den ersten Weltkrieg hat viele Jahrestage hervorgebracht. Da gehen kleinere Episoden schnell unter.

Eine davon war der Besuch des späteren Staatsgründers, des Generals Mustafa Kemal Pascha, seit 1934 mit dem Ehrentitel Atatürk ausgezeichnet, im Großen Hauptquartier des Generalstabs in Kreuznach am 19.12.1917.

Mit einem Empfang erinnert der Atatürkverein Bad Kreuznach heute Abend an dieses Ereignis.

Gezeigt wird dort ein aktueller Film der Deutschen Welle über dieses Ereignis, der für türkisches Publikum produziert wurde.

In dem beschaulichen Kurort an der Nahe fand der deutsche Generalstab der Obersten Heeresleistung mit zahlreichen Hotels und guten Bahnanschlüssen Richtung Westen und Südwesten die erforderliche komfortable Infrastruktur vor, um im Februar hierhin das Große Hauptquartier zu verlegen.

Bereits Mitte Februar bezogen Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg und Generalquartiermeister mit ihrer militärischen Entourage Quartier.

Der benachbarte Kurort Bad Münster am Stein beherbergte das Fliegerkommando.

Auch der Kaiser weilte oft in der Stadt. Natürlich war das Große Hauptquartier bis 1918 Anlaufpunkt für internationale Delegationen.

Empfänge erfolgten unter anderem im letzten Grandhotel der „aristokratischen“ Kurzeit – dem neuen 1913 eröffneten Hotel Kurhaus.

Dieses Gebäude konnte mittlerweile auch seine ersten 100 Jahre feiern.

Alle anderen Kurhotels sind nach und nach verschwunden.

Genau hier stellten sich in den Tagen vor Weihnachten der Vahideddin, der Bruder des osmanischen Sultans Mehmed V. und – Mehmed VI. spätere und allerletzte Thronfolger und in seinem Gefolge der prominenteste türkische General des Krieges zum Besuch ein.

In seiner Begleitung befand sich mit Mustafa Kemal Pascha der prominenteste osmanische General des Kriegs – der „Sieger von Gallipoli“.

Mit der Reise nach Deutschland erwiderte der Bündnispartner einen Besuch Wilhelms II. in Istanbul im Oktober 1917.

Der regierende Sultan hatte aus gesundheitlichen Gründen den Bruder als Vertreter entsenden müssen.

Die Reise des Thronfolgers und des Generals begann am 15.12. in Istanbul, wo sie am 4.1. auch endete.

Stationen waren Sofia, Wien, München und Kreuznach.

Nach der Ankunft in Kreuznach am 19.12. setzte die Delegation ihre Reise bereits am 20.12. Richtung Straßburg fort.

Hier besuchte man die Elsass-Front, einige Tage besichtigte man in Essen die Krupp-Werke und tafelte in der Villa Hügel.

Schließlich ging es nach Berlin, wo man gesellschaftliche und diplomatische Termine wahrnahm und am 31.12. eine abschließende Pressekonferenz die Waffenbrüderschaft und deutsch-osmanische Freundschaft beschwor.
In Bad Kreuznach traf die Delegation mit dem Zug aus Rockenhausen am Bahnhof ein, wurde dort empfangen und zum Kurhaus eskortiert.

Nach einem Empfang mit freundlichen Worten des Kaisers an den erfolgreichen General, folgt ein Abend-Diner mit Hindenburg und Ludendorff und Gedankenaustausch zu militärischen Fragen.

Ein Foto dokumentiert die Ankunft auf dem Bahnhof.

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Mustafa Kemal Pascha hat über diese Reise in einer Artikelserie der 30er Jahre berichtet.

Sein Tenor: er habe damals bereits erkannt, dass der Krieg verloren sei, die Bündnispartner überschätzt würden und man auf eine neue politische Ordnung, den türkischen Nationalstaat, zusteuere.

Der General zeigte sich verbittert darüber, dass die obersten Kommandos im Osmanischen Reich Deutschen vorbehalten blieben und verweigerte nach seiner Rückkehr dann auch die Zusammenarbeit mit dem General von Falkenhayn, den man nach erfolgloser Kriegsführung an der Westfront nach Palästina entsandt hatte.

Mustafa Kemal Pascha würde es sein, der für die Absetzung seines Kreuznacher Reisegefährten sorgte, der von 1918-1922 der letzte regierende Sultan war, bis man ihn ins Exil schickte und auch das mit dem Sultanat verbundene Kalifat abschaffte. Doch das war in Kreuznach noch Zukunftsmusik.

Auf der Reise bemühte sich der General eher darum, das Vertrauen und die Unterstützung des Thronfolgers zu gewinnen, um eine leitendes Kommando zu erhalten.  In der Tat hat der spätere Sultan zunächst durchaus seinen Reisegefährten gefördert.

Die Kreuznacher Episode und Deutschlandreise blieben zunächst folgenlos und wirken im Rückblick wie Marginalien einer untergehenden Epoche.

Zwei Umstände haben dazu beigetragen, dass die Visite nicht gänzlich vergessen wurde und auch 80 Jahre später für ein Nachspiel gesorgt.

Zum einen gibt es in Bad Kreuznach eine archivalische Besonderheit. Das Eiserne Buch.

Hier hat sich auf Wunsch der Stadtverwaltung beginnend mit dem Kaiser 1917 die gesamte OHL eingetragen, der Einband trägt die Siegel der verbündeten Mächte Deutschland, Österreich, Bulgarien und eines Sultans des Osmanischen Reichs.

Dort finden sich die Unterschriften Vahideddins, Mustafa Kemals, des Kammerherrn Lütfi Simavi Bey, des Obersten Abdüllatif Naci Pascha sowie des Übersetzers.

Bis in das Jahr 2017 diente das Buch dann als Gästebuch der Stadt.

Das Eiserne Buch als historische Quelle eines ganzen Jahrhunderts wurde vom Stadtarchiv Bad Kreuznach in diesem Jahr mit einem Faksimile-Druck ediert und mit einem umfangreichen Kommentarband versehen.

Zum anderen nahm sich in den 90er Jahren der Türkische Generalkonsul des Themas an, entdeckte den Eintrag im Eisernen Buch und versuchte in einer Zeit, da die Türkei noch immer vergeblich an die Türen der EU klopfte, das Gedächtnis an Atatürk für Öffentlichkeitsarbeit im Sinne der modernen, westorientierten Türkei zu nutzen.

In dem im Kommentarband zum Eisernen Buch enthaltenen Artikel „Atatürk reloaded“ wird vom damaligen Pressesprecher, Michael Vesper, geschildert, wie 1997 auf Initiative des Türkischen Generalkonsulates und mit Unterstützung von Oberbürgermeister Rolf Ebbeke und des Hoteliers Gojko Loncar eine opulente Atatürk-Gedenktafel installiert und ein mit historischen Dokumenten ausgestatteter Atatürksalon im Kurhaus eingerichtet wurden.

Große Aufmerksamkeit türkischer Medien, Kulturveranstaltungen und Symposien schlossen sich in den folgenden zehn Jahren an, bis sich die Verhältnisse einerseits in der Türkei wandelten und andererseits die lokalen Partner wenig Interesse an der Fortentwicklung dieser Erinnerungskultur zeigten und auch manchem Ansinnen nicht entsprechen mochten.

So unterblieb die Aufstellung einer Skulptur im Kurpark, beziehungsweise verschwand diese nach einiger Zeit wieder und auch eine Städtepartnerschaft wurde nicht gegründet.

Mittlerweile hat sich auch in Sachen Atatürk der Wind gedreht.
Diese Form der Erinnerungskultur ist mittlerweile selbst ein Stück Zeitgeschichte.

 

Literatur:
Das Eiserne Buch der Stadt Bad Kreuznach 1917-2017. 100 Jahre Zeitgeschichte. 2 Bde. 1. Bad Faksimilie. 2. Bd Beiträge. Herausgegeben von von Franziska Blum-Gabelmann und Jörn Kobes. Bad Kreuznach 2017.

Michel Vesper: Atatürk reloaded – Der Besuch Mustafa Kemals im Großen Hauptquartier und seine späte Nachwirkung. In: Das Eiserne Buch der Stadt Bad Kreuznach 1917-2017. 100 Jahre Zeitgeschichte. Bd. 2. Beiträge. Herausgegeben von Franziska Blum-Gabelmann und Jörn Kobes. Bad Kreuznach 2017. S.323-352.

 

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